Montag, 4. Oktober 2010

Blutwurz (Potentilla erecta)

Eine der Spätsommer- und Herbstpflanzen: Die Blutwurz.

Man holt sie am besten an mageren Standorten mit viel Sonne - wo gedüngt wurde, taugt sie nicht soviel.
Kraut und Blüte sind klein und zart, die unverwechselbare Blüte bildet ein vierblättriges, leuchtendgelbes Kreuz. Sie ist eine Venus-Saturn-Pflanze mit abdichtenden und zusammenziehenden Eigenschaften.  Eine gute Wurzel ist dicht und hart und hat keine faulen Stellen.

Zum Zerschneiden nimmt man am besten eine Keramikklinge, denn die Blutwurzel-Inhaltsstoffe reagieren leicht mit unedlen Metallen. Oder man zerstösst sie mit einem schweren Stössel im Mörser.

Hier ein grösseres, frisch gereinigtes Exemplar: Die Erde gut trocknen lassen und dann mit einem harten Nagelbürsterl abbürsten.



Man befreit das Rhizom von den feinen Wurzelhärchen, scheidet sie in Scheiben und setzt sie mit 70% Alkohol (Weingeist) an, notfalls auch mit einem guten Kornschnaps und zieht sie darin mindestens 2 Wochen im Dunkeln aus (Eine ganze Venusschleife, z. B. heuer vom 9. Oktober bis 21. Dezember, ist ideal, wenn man sie später potenzieren will)
Nicht waschen. Wenn etwas Erde mit in die Tinktur gerät, macht das nichts. Nicht umrühren, abseihen und in ein Tropffläschen füllen.

frischer Ansatz - die blutrote Färbung kommt erst
Gegen den Kälberdurchfall raspelt oder mahlt man die Wurzel, es darf dazu auch eine getrocknete sein, vermengt sie mit Butter und macht kleine Würfel draus, die man einfriert oder im Kühlen frischhält und bei Bedarf (aufgetaut!) den Kälbern eingibt. Eine Dosis reicht oft schon, die stoffliche Wirkung der Blutwurz als Adstringens und Wundarznei ist langanhaltend.

Die Wurzel färbt rötlich beim Anschneiden, die Tinktur selbst wird mit der Zeit tief dunkelrot und duftet rosenholzartig. Man setzt sie, stark verdünnt, ein bei Zahnfleischentzündungen, Zahn-Prothesen-Druckstellen, Aphten (Mundfäule), Durchfall (blutig-schleimig, bei chronischem Reizdarm auch potenziert) und anderen geschwürigen Magen- und Darmbeschwerden ein. Bei Schmerzen schluckweise in warmem Wasser einnehmen. Man braucht wirklich wenig davon und nehme sie tröpfchenweise!

Hilfreich sind Blutwurztropfen auch bei Reisekrankheit mit Schwindel und Übelkeit (noch besser: D4- D6)

Zudem lohnt sich ein Versuch mit Blutwurzwasser äusserlich bei Ekzemen aller Art, bei Hautjucken kann man ein paar Tropfen Lavendelöl dazu tun oder Ballistol.

Oder man bereitet eine Salbe: Die frische, zerkleinerte Wurzel in heissem Butterschmalz 20 Minuten ausziehen (nicht kochen), dabei mit einem Holzlöffel umrühren. Abseihen, abkühlen lassen - und schon hat man eine Wundsalbe für Mensch und Tier, die zudem den Juckreiz nimmt. Etliche Hämorrhoiden-Besitzer schwören drauf...

Gegen Wundsein der Babies gibt man ein paar Tropfen ins Waschwasser für den Hintern oder auf einen nassen Wattebausch und pudert nach dem Trocknen mit Heilerde ab. (Heilerde "Luvos Ultra", in ein sauberes, trockenes Hipp-gläschen füllen und mit einer dünnen Nagelspitze drei feine Löchlein, dicht angeordnet, in den Blechdeckel schlagen)

Bei Hautpilzen, auch superinfiziert, hilft die Tinktur ebenfalls. Hinterher überall dort mit Heilerde abpudern, wo keine Luft und kein Licht hinkommt, wo das Milieu feucht ist oder die lädierte Stelle nässt. Bei Fuss- und Nagelpilz wendet man die Blutwurztinktur recht konzentriert in Ballistol-Öl an, der guten Kriecheigenschaften des Öls wegen.

Bei Mandelentzündungen mit Geschwürbildung und nach Zahnextraktionen öfter ein paar Tropfen direkt auf die Zunge - das nimmt die Schmerzen und sorgt für gute Heilung des Zahnfachs.

In heisses Wasser gegeben und inhaliert bei eitrigen Nebenhöhlen, die sich nicht recht öffnen wollen - es desiniziert nicht nur, es schwillt auch ab. Notfalls einen winzigen Watte-Tampon drehen, mit Blutwurz-Wasser tränken und in die Nase legen oder das Wasser hochschnupfen oder in die Nasendusche geben.

Früher wurde die Blutwurz auch bei blutigem Husten (Tuberkulose? Ca?) gegeben, bei Herzangst und allen krampfartigen Beschwerden innerer Organe. Und natürlich bei schwarzem Stuhl und kaffesatzartigem Erbrechen - was beides für Blutungen spricht.

Es war ein Allheilmittel für Mensch und Tier in Gebirgsgegenden - eben dort, wo sie wächst. "Potentilla"- Pflanzen, die so heissen, vermögen auch was - davon haben sie ihren lateinischen Namen. Das Gänsefingerkraut (Potentilla anserina), in Milch gekocht, entkrampft die Gebärmutter wie Blutwurz in Schnaps Magen und Dünndarm.

Ganz traditionell aus dem Bayrischen Wald gibts einen Digestiv-Likör "Blutwurz", der gerne auch bei gemütsmässigen Schwerverdaulichkeiten herhalten muss.
Blutwurz ist ein Geistervertreiber und wurde samt Kraut grenzziehenderweise an die Stalltür genagelt, wenn etwas Krankes umging.


Potenziert hilft es bei den gleichen Leiden, es ist vorzuziehen, wenn jemand schon geschwächt ist davon (Durchfall, Geschwüre im Verdauungstrakt).
Ausserdem ist sie gut bei Spannungskopfschmerz, Wetterfühligkeit und den schwachen, müden Augen eher trockener Menschen: Kleine, Zähe, Alte, Steinböckische.



Ist keine Potenz zur Hand, kann man auch an der Tinktur riechen bei Kopfweh oder etwas davon in die Nackengrube reiben.
Wenn man am Berg erschöpft ist, kann man etwas Blutwurz kauen, (obacht, darauf brauchts einen guten Schluck Wasser!) - das tonisiert und macht einen wachen Kopf.

Bemerkenswert ist noch, dass sie auch "Tormentill" genannt wird, von tormentum - die Folter, Qual (lat. Seilwinde, Streckbank), das weisst auf ihre schmerzlindernde Wirkung hin. Dosiert man sie zu stark, betäubt sie die Schleimhäute regelrecht, was bei einer Magenkolik aber durchaus wünschenswert sein kann. Sie wirkt wirklich excellent bei Magenkrämpfen - bei akuten Schmerzzuständen eine gute Menge Tinktur in sehr warmes Wasser tropfen, in kleinen Schlucken mit grossen Pausen dazwischen einnehmen.

Die kleinen Alraunmännchen zum Anhängen wider die Pest und anderes Ungemach waren Blutwurzen. Nicht selten erwischt man eine, die eine doppelt angelegte Wurzel hat, zwei dickverschränkte "Oberschenkel" wie eine Ginseng- oder Mandragorawurzel.
Zusammen mit der Nelkenwurz und Bibernelle war ihr Pulver zu schnupfen gegen Ansteckung, dazu wurden die Pflanzen zu Johanni gegraben und gesegnet.