Dienstag, 3. Dezember 2013

Saxndi, gramsaxn!

Saxndí ist in oberbayerischer Mundart ein gängiger Ausruf der Verblüffung.
In meiner Familie mütterlicherseits, aus dem Isartal stammend, war er eher Ausdruck von Verärgerung oder Ungeduld. 
Saxndi, an sich wertneutral, würzte Geschimpfe und Missbehagen.

Nur von meiner Oma kenne ich Gramsáxn, das war quasi die Steigerung von Saxndi.  Ich erinnere es nur nachgestellt, als Ende und Bekräftigung einer Tirade. 
Also: *grantel...*schimpf...*Befehl!* Gramsaxn!!!"

Lang rätselte ich herum, was beide Worte im ursprünglichen Sinn bedeutet haben könnten. 
Die, die es verwenden, braachst ned frong, die Oma lebt nicht mehr und hätte es vermutlich auch nicht gewusst. 

Ich brauchte schon eine Ewigkeit, bis ich das als Kind oft gehörte, ärgerliche geäusserte Äggersna! als steinböckisch- isartalerisch eingedampftes Jessas-na! ("in Jesus' Nam(en)"?) identifizierte, das sprachmalerisch wohl zu weich war für den verhohlenen Grant dahinter. 
Denn, je näher an den Bergen, desto verhaltener, umso dichter überm Kehlkopf knödelten die Konsonanten. 
An einem ursprünglichen Arzbacher "r" vor einem Vokal kann man zur Not Messer schleifen. 

Zuerst hatte ich zum Ursprung des gramsaxn ein über 1000 Jahre altes Sachsenschwert in Verdacht, das vor 150 Jahren aus der Themse geborgen und Thames scramasax genannt wurde.
Schimpfte die Oma vielleicht s-cramsaxn und nutzte, ohne es zu realisieren, eine verbale Durchschlagswaffe
Der Sax war ein einschneidiges Hiebschwert, und das erwähnte scramasax galt wegen seiner ungewöhnlichen Tauschierung und Runenschrift als magisch gezeichnete Waffe.


Viele alte Fluch- und Segenssprüche sind Verballhornungen fremdsprachiger Ausdrücke und pflanzen sich als solche unerkannt fort. Sappradi (sacre dieu)! So manch Hokuspokus (= hoc est corpus (christi)) ist also nur bewusstloses Nachbeten einer Phrase, die mal Sinn und Inhalt hatte.

Später gabs das Internet samt Wiki und Foren, die Saxnot entweder als mythischen Gründervater der Sachsen oder deren Namen für den nordischen Tyr vermuteten. 
Das wäre zumindest für saxndi hingekommen, als eine Anrufung, die zum Ausruf wird. Aber warum -di? (in godsnam', ebba?)

In die Sparte "alter Zauberspruch" passt diese Erklärung allerdings wunderbar. (überarbeitet, der Link ist jetzt zielführend)
Der östlich am Eingang des Isartals gelegene Ort Sachsenkam geht vermutlich auf eine sächsische Ansiedlung unter Karl dem Grossen zurück, der im Krieg unterworfene Sachsenstämme vom Heidentum abschwören und sie zwangstaufen liess.

Noch ein Lichtlein ging mir auf, als ich Wolfgang Golthers "Handbuch der germanischen Mythologie" las. Dieser gibt häufig Saxon als Quelle an und der liess sich leicht finden. Er war ein dänischer Geschichtsschreiber, dessen geschliffenes Hochlatein zu seiner Zeit unüblich war und ihm deshalb den Beinamen Saxon Grammaticus eingebracht hatte. 
Dieser hatte die Gesta danorum geschrieben, die Geschichte der Dänen und Nordmeerstämme von ihrer sagenhaften Vorzeit bis 1185. So war es zum Saxon-Dis(pater) als mythischer Gründervater des Stammes der Sachsen nicht mehr weit. 

Eine weitere mögliche Erklärung für gramsaxn fand sich bei der Lektüre von Jacob Grimms "Deutscher Mythologie", der Saxon Grammaticus' Zitate mit der Abkürzung Saxo gram. kennzeichnete.

Jacob Grimm war es ja, der viele Zauber-, Abbet- und sonstige Sprüche in diesem Wälzer sammelte, aus dem sich dann später das Volk(?), jedenfalls die Volkskundler, Sprachforscher und Historiker bedienen konnten, die wiederum gram.saxo als Quellenangabe hinter die Zitate fügten.

Eventuell hat der eine oder andere Leser diese Quellenangabe als Bekräftigung missverstanden? Immerhin waren die Grimmschen Werke, und erst recht die Sekundärliteratur, zur Zeit der National- und Germanenromantik um die Jahrhundertwende 19./20. beliebt und vielgelesen.

Soweit meine unwissenschaftlichen Vermutungen, ich höre an der Stelle auf, obwohl ich noch ein paar Fäden dazu fand, die bei den Helden der Gesta danorum selbst beginnen (u.a. bei einem Königssohn namens Gram, der eine sächsische Prinzessin ehelichte) und in der von Saxo transportierten Weltsicht der Nordstämme auf die "verweichlichten" Germanenstämme, Sachsen, Slawen... weiterlaufen.