Donnerstag, 13. Februar 2014

Steinernes von der Fraueninsel

Am Seeufer Gstadt kam ich gar nicht hinterher, mich nach schön abgerollten Quarzen, vor allem aber nach dieser besonderen Steinform zu bücken:


"Hirnsteine" nennen sie die Einheimischen, "Furchensteine" heissen sie offiziell, ergugelte ich daheim.
Im Chiemgau-Impact-Blog ist ihre Entstehung gut beschrieben.

Die berühmte Torhalle war leider noch versperrt, ermöglichte aber schöne Durchblicke.
Die Blenden am Mauerwerk des mächtigen achteckigen Turms


erinnerten (mich) an die Tafel von Chartres*:


Die ältesten Fundamente dieses Turmes werden ins Jahr 800 datiert, das Münster Frauenwörth selbst stammt aus der Früh- bis Hochromanik, 11. oder 12. Jhd., und wurde vermutlich auf einem karolingischen Vorgängerbau des 9. Jhds errichtet.
In den Anfängen stand die Selige Irmengard dem Kloster vor, eine Urenkelin Karls des Grossen, mittlerweile Schutzheilige des Chiemgaus, deren Reliquien hier eifrig bepilgert werden.

In Oberbayern sind ursprünglich romanische Kirchenbauten und Kunstwerke eher rar, und so fand ich es interessant, wie "keltisch" das Nordportal anmutete und wieviel Kopfkult sich hier über die Römerzeit hinweg (?) erhalten hat.

Der Schädel der Irmengard bekam sogar eine eigene Kapelle hinter dem Hochaltar, ist also noch östlicher gelegen als das Allerheiligste.
Dort ist er neuzeitlich verschleiert, aber gut sichtbar ausgestellt.
Der kleine Sarkopharg mit dem Rest des Körpers steht dagegen im Hauptraum der Kirche.


Das Schmücken der Eingänge mit schlichten Menschenhäuptern, also ohne dämonisierendes Beiwerk erinnert an den Trophäenkult von Kopfjägern, wie er auch etlichen Keltenstämmen nachgesagt wird. Zumindest erscheint es (mir) vorrömisch, vorchristlich... 


... und auch die hervorstehenden Batzl- Augen aller dort dargestellten Köpfe kamen mir keltisch vor, oder besser: gundestrupkesselhaft.
(Ich hab leider keine Ahnung von Zeiträumen + Verbreitung 'keltischer' 'Portraits')


Noch hoch in der Mauer des Turmes blickt ein Tuffgesicht nach Norden, zur nächsten Uferdistanz.


Unglaublich, was man damals für dieses Kloster händisch über den See rudern musste, wenn man allein die Massen an Steinklötzen für die dicken Mauern bedenkt, dazu jede Menge Marmor und Granit, die Säulen für die Kirche, die riesigen Dachstuhlbalken, Kräne, Gerüste, Schindeln, Fenster... und natürlich Entsprechendes für jedes Haus auf der Insel.


Dann war da noch dieses Epitaph an einer Seite hinter dem Altar, dessen Detail mich nicht losliess. Eine Kröndlnatter hat nun mal weder einen Stachel noch einen Fischschwanz...
Tage später schoss mir die Lösung auf: Ein Nesselwurm!

Leider hatte ich an Ort und Stelle versäumt nachzusehen, wessen Grabmal er schmückt.



Der Marmor an dieser Stelle wirkte abgegriffen, öfter gestreichelt.

Nesselwürmer waren mal an fast jedem Gebrechen schuld, lat. ne-scius meint un-bekanntes (Übel). Etliche "Wurmsegen" und Abbetsprüche kursierten seit alter Zeit, um ihn aus den Kranken herauszulocken.
Vielleicht erbat sich der ein oder andere Pilger Hilfe von diesem steinernen Abbild, vielleicht gabs aber auch mal so eine kleine Nessie im Chiemsee?

(Die Tafel könnte zu einer der Verwalterinnen des Klosters im 18. Jhd. gehören, Luitgard I. von Giensheim, da dieses mythische Tier zwar in Variationen, aber laut Genealogie- Wiki ausschliesslich in den Wappen der bayr. Freiherrengeschlechts von Ginsheim auftaucht. Ich muss einfach nochmal nachsehen beim nächsten Besuch, wenn mich niemand vorher aufklärt.)

Palmkätzchen gabs am Chiemsee natürlich ebenfalls (eins:)


Es schätzte offensichtlich Gesellschaft und schaute uns beim Sonnenbaden, Steineklauben und Limotrinken am warmen Weststrand zu.
Waren wir letzten Donnerstag doch fast die einzigen Menschen auf der Insel unterwegs und nicht auf einer ausgedehnten Beerdigungsfeier in der Kirche.

Der Föhn hatte sich wieder einmal gegen eine üble Wettervorhersage durchgesetzt gehabt und Farben ins Wasser und über den See gezaubert, die nicht mehr auf die schwächelnde Speicherkarte der Kamera passten. (Ich muss mir jetzt wirklich mal was besseres Werkzeug zulegen)


 Nicht nur die Überfahrt bei Sonnenuntergang war sagenhaft schön.


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*Die Tafeln von Chartres waren eine optische Meditationshilfe "der Zigeuner", die angeblich auf dem Grundriss der Kathedrale von Chartres beruht:


Zeitlich könnte die Ähnlichkeit mit der Turmfassade hinhauen, denn der gotische Neubau von Chartres begann Ende des 12. Jhd. auf den Fundamenten der romanischen Vorgängerkirche.

Die Chartre-Tafeln sind die vielleicht ältestüberlieferte Version aller spiegelsymetrischen Darstellungen zum Üben des weichen Blicks, bayr.: Goassgschau.
Bis zu einem Revival vor 20 Jahren oder so mittels gerechneter 3-D-Bilder gabs meines Wissens nicht viel Vorlagen in diese Richtung.



(Mit etwas Übung braucht man nicht (mehr) die betrachtete Ebene Richtung Augen zu bewegen, um die "Mitte" zu erwischen, man verstellt stattdessen einfach den Fokus fürs gleiche Ergebnis.)