Freitag, 28. März 2014

Die zweite Heimat

Einige meiner freudigsten wiederkehrenden Träume spielen in ganz irdischen Landschaften. Ich streife durch hügeliges Land und grüne Fluren, durch windige Grassteppen, hinauf in hochgelegene Gebiete, wo der Granitfels schwach durch den Boden glimmt, wenn es dunkel wird. 

Ein andermal gehts durch Nadelwälder, manchmal mit Bach und Lichtung, dann wieder ist da ein See mit kleinen Inseln darin und das Wasser transparent bis zum Grund, wie ein frisch geflutetes Wiesental. 
Es bleibt unerklärlich, warum diese Träume so glückselig sind.
Wenn ich den Übergang ins Erwachen bemerke, versuche ich immer, dieses Empfinden aus dem Traum hinüberzuretten und natürlich gelingt es mir nie.


Ausser dem Unterwegssein passiert meistens nicht viel. Manchmal suche ich etwas, allein oder in Begleitung, ein bestimmtes Dorf oder Haus. Oder ich werde von einem ungewohntem Wegverlauf, einer Abzweigung, einem neuen Ort überrascht. 

Es sind im Grunde Heimatreisen, denn ich kenne alle diese Landschaften aus früheren Träumen. Manche Dörfer sind verschwunden oder verändert; oder es taucht statt einer Siedlung nur ein einzelnes hohes Lagerhaus aus auf, ein Relikt wie aus den frühen Jahren der BayWa, von eigenartiger Schönheit, umgeben von einem Brennesselmeer und blühenden Zaunwinden um die bröselnden Laderampen und der eisernen Bewehrung, die langsam durch den Beton hindurch ins Freie rostet. 

Eine Besonderheit sind die Bergträume. 
Es geht von Norden nach Süden, oft im Abendlicht durch ein gewaltiges Kar, dessen schwarzblaue Tiefe im Dunst unter mir nur zu ahnen ist. Erst am Kamm oben dämmerts, es sind Lärchen zu sehen, zuerst nur die herbstgelben Wipfel, die ins Licht ragen. 

Dann wirds hell, ich bin auf der Passhöhe, die Sonne strahlt, obwohl sie nicht zu sehen ist. Eine breite, sandüberwehte Strasse geht in weitem Bogen um einen Bergsee herum. Der See ist von innen heraus hell.
Manchmal fehlt der See oder die Strasse hat steinerne Begrenzungspfosten mit gekalkten Markierungen und ich erkenne in ihr die Jaufenpass-Südrampe. Einmal war ich darüber sehr erleichtert, wegen der wiedergefundenen Orientierung.

Manchmal führt von dort ein Schotterweg nach Osten weg, hinauf in ein Sandsteingebirge. Einmal (und dann nie wieder) habe ich diesen Weg genommen. Er wurde immer ausgesetzter und steiler, am Ende fast senkrecht und ich bekam eine tierische Angst. 
Stehenbleiben war nicht drin, da ich schon rückwärts rutschte, wenn ich nur vom Gas ging. Ich sah gerade noch hoch oben in der Wand ein riesiges langestrecktes Bauwerk aus dicken Mauern in der Sonne liegen, ein unvermuteter Sehnsuchtsort, dann kam mir der Lenker entgegen und fiel ich hintenüber. Im Fallen noch das Entsetzen, dass der Weg hinter mir nicht mehr existierte.

Seitdem ist dieses Strasserl für mich tabu, wenn es auftaucht im Traum, auch wenn ich den damit gehabten Horrortrip nur im Wachzustand erinnere.

Zuletzt war ich wieder mal fliegend unterwegs in den Bergen, hielt geradewegs auf die Felswand zu und glitt in sie hinein. Innen wurde es dann richtig schnell, und ich wirbelte und drehte mich kopfüber ohne räumliche Orientierung durch eine transparente Schwärze, in der es irrlichterte und brummte. Ich bemerkte, dass mindestens meine Arme verschwunden waren. Ein hoher, sirrender Ton zog mich voran, der wurde immer mächtiger und war definitiv nicht mehr von dieser Welt. Langsam drohte er mich zu zerlegen, da beschleunigte ich (?) nochmal an der Innenwand einer Art Parabel, ohne den Widerstand zu fühlen. Der Ton war weg und ich glitt durch einen Ozean, absolut paradiesisch.

(Meinen derzeitigen steinernen Bettgenossen geschuldet, die mir die Bettücher verschleissen, mein Schlafbedürfnis reduzieren und diese lange nicht mehr gehabten Landschaftsträume wiederaufleben lassen.)