Samstag, 13. Dezember 2014

Kristallfund

Blick in den hinteren Zemmgrund








Dem steinreichen Sommer folgte recht spontan eine Woche im Granit der Zillertaler Alpen, kurz vor Hüttenschluss.

Ich war zusammen mit einem mineralkundigen Bekannten unterwegs, von dem ich was lernen konnte übers Suchen, über Kristallvorkommen, Felsformationen und Berggesichter.


Meinen ersten Bergkristall habe ich dann trotzdem zufällig gefunden. 
Er lag als einziges Ding auf einem der meterhohen Granitblöcke, die sich zuhauf talwärts türmten in einem düsteren Spalt zwischen einer aufragenden Bergwand und dem Grat der Gletschermoräne.
Ein paar Blöcke tiefer lag der vom Geier oder Adler abgefieselte Lauf einer Gams.

In den nordseitigen Einschnitt kam so wenig Sonne, dass es hier Anfang Oktober gerade kurz Frühling wurde. Weiter unterhalb sah ich meinen Begleiter und seinen Hund und auf einem Flecken Schnee herumspringen, dort wuchs Gras und es blühten ein paar Troddelblumen, der Enzian trieb die ersten Stängel.


Der 7cm lange Kristall war entweder aus der Wand gefallen als noch Schnee lag, oder der Schnee hatte ihn von weiter oben mitgebracht und ihn hier abgelagert, denn bis auf die Abbruchstelle an der Basis und die kleine Macke an der Spitze hat er auskristallisierte Flächen, eine davon alt verheilt.

Die Felswand an der Fundstelle hing leicht über und liess ab und zu ein Steinchen fahren, wie zur Warnung. Türkisgrüner Edeltalk quoll aus den Rissen, Spalten klafften über gelben Grasbüscheln und der Fels war entlang schnurgerader Bruchstellen mit verschiedenen Flechten bewachsen. 

Auf jedem Absatz quarzten, gneisten und glimmerten Bruchstücke, ein streifiges Muster aus Schwarzalgen und moosigen Vorhängen überzog den Reichtum. Alles schien unberührt, ungestört. 
Ich freute mich und war dankbar.


Obwohl wir die Woche einiges fanden, zuvorderst Granate im Moränenschutt – ich habe gesehen, wie verwüstet ausgeräumte Klüfte aussehen und es wäre mir nach dem Geschenk nicht (mehr) in den Sinn gekommen, selbst mit einem Strahleisen auszubrechen, was im Berg noch angewachsen ist. 

Angeblich waren im Zillertal kommerzielle Strahler mit schwerem Gerät und Presslufthämmern zugange, bis es verboten wurde. 
Und genauso schauts dort zum Teil auch aus: geplündert. Sammeltechnisch uninteressante Quarze und sogar kleine Kristalle lagen verworfen im Abraum herum.


Wir hatten Schwein, vom ersten Tag an.

Beide waren wir ohne Helm und ungesichert unterwegs gewesen. Ich musste mich ein paarmal beschwören, nicht zu deutlich runter zu schauen, wenn ich in steilen Gefilden herumhing, nach dem nächsten Fixpunkt tastend, und die zum Kraxeln abgelegten Rucksäcke nur noch kleine bunte Punkte weit unten waren.


(Losgezogen waren wir, als der Transit- Saturn zum dritten mal genau auf meinem Neptun stand.)

Wir schwitzten gerade mit vollem Gepäck das erste Stündchen hüttenwärts, Nebel und Niesel dämpfte alle Geräusche und gesehen haben wir auch nix, als urplötzlich der Boden bebte und ein riesiger Kieslaster mit mindestens 80 Sachen hinterrücks herandonnerte. Einem Geisterschiff gleich zog der Spuk über uns hinweg und es war wieder still.
"Das war ein Bergrutsch" wusste mein Begleiter, noch bevor ich mit dem Blödschaun fertig war. Der Abbruch kam nicht von unserer Bergseite, sondern von gegenüber, und war in die Schlucht direkt neben dem Weg gerauscht. 
Erst eine Woche später bekamen wir diese Schlucht und ihr gewaltiges Ausmass zu Gesicht, das war beim Rückweg in klarem Wetter. 

Nach dem Fund und dieser Woche war mein Anfängerglück vollkommen und mein Bedarf gestillt. 
Ich kann mir nicht vorstellen, mir je wieder einen Bergkristall zu kaufen (auch wenn ich den Mund damit reichlich voll nehme) und habe schon angefangen, Stücke aus meiner Sammlung weiterzuschenken, da es im Grunde nur wenige sind, die mir wirklich ans Herz gewachsen sind, und das sind nicht einmal die optisch Schönsten.

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