Samstag, 13. Dezember 2014

mineraler Sommer

Während des Saturntransits über meinen Radix- Neptun am DC bin ich tiefer in die Steinwelt eingestiegen. 
Die Astrologie als solche ging mir gleichzeitig hinten vorbei, was mich zwar gewundert hat, aber nicht zu ändern war.


Schillkalk aus dem hiesigen Steinbruch Hellerschwang

Ein ganzes Jahr lang hatte er sich Zeit genommen, der Saturn, und mir Zeiten bleierner Müdigkeit und lethargische Genervtheit verpasst.
Ich sparte mit unnötigem Informationsfluss nach innen und aussen.

Die nächtlichen Träume waren dafür unglaublich dicht und aufs Feinste bebildert, ich freute mich oft mittags schon aufs Einschlafen am Abend.
Ausserdem fand ich es auf einmal so erfrischend, wenn jemand mit gut gewählten Worten und in klaren Sätzen sprach oder schrieb.
Ansage mit definiertem Inhalt, ein Punkt am Ende, fertig. Ohne zu erratende Metabotschaft, einleitendes Geschnörksel oder mittige Ausbrecher.

Ich erinnere sowas zum ersten Mal bewusst von Gesprächen in irischen Pubs, agratt. Und natürlich fiel mir auf, wie wenig ich es selbst kann.


Türe leise schliessen (ebenda)

Mit dem Reissen eines Backenzahns und dem Abheilen des Abszesses drunter kam ich wieder in Schwung.
Die ganze Zeit über, Zahnweh hin oder her, wurde meine Orts- und Steinleidenschaft aufs geschmeidigste befördert, mit fachlicher Unterstützung, ungesuchten Funden, günstigen Zufällen und Geschenken.

Ein Kollege mit Saturn- Neptun im Radix schickte mir eine selbstgemachte/ -gemischte Obsidian- Eessenz mit Schachtelhalm und Kobra aus dem alchemistischen Labor, die ihm nach eigenem Bekunden gut über die Beunruhigung hilft, wenn die Konstellation aktiv wird.

Für mich war sie eher spannend: 
Ursprünglich mit einem mittlerem bis tiefem RR gesegnet, erlebte ich eine 10minütige Bluthochdruck-  Attacke unmittelbar nach der Einnahme (was ich dem Naja- Gift- Anteil an der Mischung zuschreibe); die Symptome beim Weiterprüfen waren ein Katalog an vegetativen Sa/Ne Zuständen, alle nicht angenehm – aber ich weiss jetzt wenigstens, wie es ist, sich weglos und alleine kilometertief im schönsten Wald, wo ich mich üblicherweise wohl und am rechten Ort befinde, plötzlich verfolgt zu  wähnen und dann auch noch die Himmelsrichtungen durcheinanderzubringen.
Fast klassisch, diese Weibernummer der Ursprungslosigkeit, wenn grad nix und niemand da ist, der  darob zu beleihen wäre und sich die Lücke ungebremst im System ausbreiten kann.

Der einmalige Zustand dauerte ein Weilchen, in dem ich beschloss, mich nicht mehr zu rühren, bis der irre Mörder :) durch eine weitere Bewegung verrät, wo er gerade ist. Dann löste sich der Hirnkrampf übergangslos in scharfe Wahrnehmung auf und eine lichte Wärme und Ruhe.

Der irre Mörder steht wahrscheinlich immer noch zwischen den Fichten herum. Vielleicht kommt er eines Tages in einem Krimi unter oder in einem Heimatroman.


Rauchquarz nach Citrin, 
11 x 7 cm, mit Urwassereinschluss und beweglichen Luftblasen

Der schon etwas ältere Kumpel aus meiner Sammlung, den ich in dieser Zeit und während der Zahnschmerzen besonders schätzte.

Dann kam ein Steinfund, der mich begeisterte:
Am Mangfallufer stiess ich nach einem Hochwasser, dicht unterm Kies verborgen, auf eine riesige naturgeformte Eklogitskulptur(*), rundum glatt und mugelig, wie getöpfert.

Ein uralter Erddrache, einer sehr tiefen, heissen Schicht und höchsten Druckverhältnissen entsprungen, einen halben Meter lang, 15 cm hoch, mit einer seitlichen Flosse.
Sein Kopf lag an der Stelle, an der ich mich immer niederlasse und eine rauche, wenn ich in die Gegend komme.
Ich stiess beim Hinsetzen mit dem Steiss drauf. Nur zehn oder 20 cm daneben und ich hätte ihn nicht bemerkt.
Zufällig war ich mit dem Auto unterwegs, so dass ich den Stein zur Strasse hochtragen und von dort mühelos nach Hause transportieren konnte. (Eklogit ist sauschwer)

(*) Link führt zu einer PDF, mit der der kürzlich verstorbene Michael Gienger die Reihe "Heilsteine unserer Heimat" eröffnet hat.


Der Kopf des Wesens, das seitdem meinen Schreibtisch hütet.
Es hat smaragdgrüne Augen aus Omphacit, grosse am Kopf und kleinere am Bauch,
eine blau-weiss-grün gestreifte Haut, gelbliche Jade-Geschwulste im Nacken 
und einen rundumlaufenden Gürtel aus kleinen roten Granatkristallen 
mit vereinzelten Zirkonen.

– Eine Freundin schenkte mir ihr Geologiebuch für Anfänger ("zu schwierig zu lesen") mit dem ich einen guten Überblick über die Materie bekam.
Den habe ich inzwischen erweitert, ebenso die Literatur drüber. Dafür flog ein knapper Meter Astrologiebücher und Schöngeistiges aus dem Regal.

– Ich hatte (und habe aktuell) mehrere schöne Fassarbeiten zu machen, Altar und Ambone (= Stehpulte für die Lesung oder Predigt) mit Vergoldungen und Marmorimitation. Aufträge, die sonst rar geworden sind, weil die arme Kirch' soviel sparen muss.



Altarfront mit geschnitzten und blattvergoldeten Ornamenten.
Das mittige Gestein aus Türkis und Lapislazuliblau habe ich erfunden.

Weiteres Geschick:

– Unbeobachtete 3 Stunden an einem Sonntag in der Sammlung des Geologischen Instituts. Eine Veranstaltung war ausgefallen und ein zerstreuter Professor hatte die Hintertür nicht abgesperrt (so mutmasste der freundliche Hausmeister und Hinausbegleiter).

– Links zu Online- Geologie- Vorlesungen, ein neues Mikroskop (USB- Teil, super einfach zu bedienen), etliche Stein- und Kristallgeschenke, darunter zartgelbe Bergkristalle aus Tibet, wie ich noch nie welche in der Hand hatte.

– Einen kiloschweren, wohl 1,1 Milliarden Jahre alten Amethystkristall mit leuchtend roter Hämatitmütze, verschiedenen Farben und Einschlüssen.
Er begann sein Wachstum zu der Zeit, als sich erstes Leben (im Sinne von Mehrzellern) auf der Erde entwickelt hat. Die Kontinente waren am Wachsen und von Vulkanismus und Meteoriteneinschlägen geprägt.

In nachmittäglichem Novembersonnenlicht, eben von einer späten Biene überflogen

Diese Amethyste stammen aus den borealen Wäldern Kanadas, dieser hier nördlich von Ontario. Sie füllen bestimmte Spalten aus, die am äussersten Ende eines Armes der dortigen Störung (für geologisch Interessierte ein Überblick: Keweenawan Rift) sich gebildet hatten, als vor 1,2 Milliarden Jahren die Kanadische Platte im Begriff war, vom nordamerikanischen Kontinent wegzubrechen.

Aus irgendeinem Grund kam der Prozess zum Stillstand und, anstatt mit Meerwasser vollzulaufen, "verheilte" das Rift.
Über die Spalten an den Rändern drang dann hydrothermale Lösung ein, die im Laufe des Kristallwachstums unterschiedliche Elemente in unterschiedlichen Konzentrationen enthielt, dabei auch ungewöhnlich viele Metalle. Wechselnde Temperaturen, Druck- und radioaktive Verhältnisse führten zu den verschiedenen Wachstumsmodi und Farben der Schichten.

(Wie ich das verstanden habe, ist die Entstehung des Mittkontinentalrifts im Groben wie bei einem Kuchen mit zuviel Backpulver, der oben unregelmässig aufplatzt und dann zusammenfällt. Die vulkanisch gebildete Kuchenkruste (Basalt) brach teilweise ein und bildete das Becken, das gegenwärtig, nachdem noch ein paar Eiszeiten drübergletschert waren, der Lake Superior ausfüllt. Die Sedimente, die zwischen und neben den Schichten liegen, wurden von Flüssen abgelagert, die in die Vertiefung liefen. 
Ich lasse mich aber gerne korrigieren.)

Die Mineralogen nennen diese Art Amethyst nach seiner Herkunft Thunder Bay Amethyst,  Esos  haben ihm den Namen "Auralite (23)" gegeben, weil angeblich 23, durchschnittlich irgendwas zwischen 17 und 35 verschiedene Minerale, darunter alle Edelmetalle, darin nachgewiesen wurden.

Ich finde optisch die citrinfarbenen Übergangsschimmer und den grünlich-blauen Quarzanteil besonders schön, der eigentliche Zauber aber kommt vielleicht vom Alter, der Erd- und Ortsgeschichte, die sich in dem Kristall niedergeschlagen hat – ich kann es nicht sagen, jedenfalls ist er in seiner Gesamtheit eine Wucht im Wortsinn: wo ich ihn hinlege, ist Ruhe.

Hier ein paar Mikroskopbilder:


und näher dran:






Noch ein Geschenk: Ein Umhängsel aus eben diesem TB- Amethyst, mit feinen Goethitnadeln wie schwerer Regen über den symmetrischen roten 'Adlerschwingen'.
Das erste Bild nämlich, das mir bei dem Anblick kam, hätte mich genausogut als Kind beim Indianerspielen ereilen können:

Donnervogel fliegt durch grobes Sauwetter.


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