Montag, 7. September 2015

Steinöl

Ich bin gerade mit dem Tiroler Steinöl befasst, im Volksmund auch Ammoniumbituminosulfonat genannt, oder Dürschenblut, da es der sterbende Riese Thyrsus nach seinem Kampf mit Haymo zum Heilmittel umgewidmet hatte.


Gegen Komma- und Grammatikfehler hilfts nicht

Schon seit Mitte 14. Jhd. in der Gegend um Seefeld bei Innsbruck gefördert und seither in der Volksmedizin bewährt, war es längstens nur noch als Bestandteil ("Ichthyol") von Bädern, Pflegelotionen, Shampoos etc. zur Behandlung diverser Hautleiden, sowie von Rheuma- und Zugsalben im Handel.

Als Rohsubstanz oder ohne Zusätze war das lokal gewonnene Steinöl (und darum gings mir) neuzeitlich schwer bis gar nicht zu bekommen.

Das hat sich erfreulicherweise geändert. Das Familienunternehmen steinoel.at bietet wohl schon seit 2001(?) Sulfonate als Reinstoff an, eine wasserlösliche Aufbereitung ihres Steinöls ohne weitere Zusätze.
Er ist als Fossil-Öl (zur innerlichen Einnahme für den Menschen) und als Sulferer (zur äusserlichen Anwendung bei Tieren) im Handel.
Ich vermute, letzteres ist das volksmedizinisch bewährte Produkt.

Beide Erzeugnisse sind sich in Geruch und Konsistenz zum Verwechseln ähnlich, und, nach meinem Eindruck, ist wenigstens bei äusserlicher Anwendung kein grösserer Unterschied auszumachen – vom Preis mal abgesehen.

Leider konnte mir auch die freundliche Dame im Verkaufsraum des Steinölmuseums (das ich letzte Woche endlich mal besuchte – mir graut inzwischen leicht vor dem Alpen- Disneyland Pertisau) zum Unterschied nichts weiter sagen, sie meinte nur, das Fossil-Öl sei 'viel feiner'.
Kann man so sehen.
Der Sulferer schmeckt definitiv nach dem Höllenpech von Todsünden, das Fossilöl hat noch einen schwefeligen Nachklang von Fegefeuer- Abluft, befand ich beim ersten Verkosten.
Zuerst leckte ich eine kleine Menge jeweils pur vom Finger. Stunden später, als meine Geschmackspapillen wiedererstanden waren, habe ich mir von beiden Erzeugnissen je eine Messerspitze voll in einem Glas Wasser gelöst auf der Zunge zergehen lassen.


Längst kannte ich die Tiroler Haussalbe (enthält 10% Steinöl- Destillat), die ein Automechaniker einer früheren Mitbewohnerin als Marderabwehr zum Auftragen auf gefährdete Kabel empfohlen hatte. Trotz des niedrigen Steinölgehalts war der Geruch so dieselig, dass wir die Salbe keiner Haut zugemutet hätten.

Einmal hatte ich sie, weil sie eben (nur) im Bad herumstand, bestimmungsgemäss verwendet, nämlich als Zugsalbe bei einer dicken Talgzyste am Kinnrand (an meinem), die sich auch nach Anwendung von diversen homöopathischen Skalpellen nicht erweichen lassen wollte. 
Das klappte fulminant: Das Ding entzündete sich in Windeseile, fistelte aus und hinterliess ein Grübchen, wo vorher eine Pore gewesen war. Die Rötung und ein leichtes Nässen der Stelle hielt noch eine gute Woche danach an, das Salben-Aroma im Kopfkissen sehr viel länger.
Ich war schwer beeindruckt. In den Träumen der folgenden Zeit tauchten unmotiviert immer wieder Schrottplätze und leckende Altölfässer auf.

Als nächstes probierte ich das Steinöl-Bad, weil ich (vor 20 Jahren..) immer noch kein pures Steinöl herbekam.
Das Vollbad war mir, bzw. meiner Haut aber viel zu seifig und austrocknend.
Als Fussbad aber ist es richtig gut. Als gewohnheitsmässige Barfüsslerin benutzte ich es nach (Über-) Anstrengung, z. B. nach dem Berggehen oder wenn ich mir auf ekligem Untergrund (München, Zugtoiletten etc.) eine Verletzung der Fussohle zugezogen habe oder etwas eingetreten. Der Schwefelanteil desinfiziert zuverlässig, reinigt tief, erwärmt und leitet ab.
Es ist also auch zu empfehlen bei einer drohender Erkältung, der ein 'dicker Kopf' = verschwollene Schleimhäute der Nasennebenhöhlen vorausgehen.

Es hilft auch bei sog. Bamhackeln, bayr. für das Aufquellen und Erhärten der Hornhaut, etwa nach längerem ungeschütztem Kontakt mit Dreck und Nässe, mit anschliessenden Hautrissen und Schrundenbildung. Die tun ziemlich weh, müssen sonst kräftig gecremt werden und können sich auch entzünden.

Ausserdem wasche ich damit gern die Schafwolleinlagen meiner Stiefel durch. Weil ich auch in meinen Schuhen und Stiefeln gern barfuss bin und längst nicht immer mit gewaschenen Füssen reinsteige, ist das einigermassen nötig. Der reinigende Schwefel macht eventuelles mikrobielles Kleinzeug platt, und durch den Seifenanteil flauscht das Fell danach wieder wie neu.


Modell- Destillieranlage: Aus 1kg Ölschiefer können 20-30g Steinöl gewonnen werden.

Im Bächental wird das anstehende Gestein noch immer handwerklich gefördert und verarbeitet: 3m Löcher bohren, sprengen. Die Brocken anschliessend händisch auf Kopfgrösse zerhauen und in die Behältnisse zum Abtransport schaufeln. 
Vor dem Verschwelen werden sie nochmals maschinell auf 10cm zerkleinert. 
Die Steine werden nur einmal, im Frühsommer, angezündet, danach wird ganze Saison hindurch nur nachgelegt und zwar im 90 Min- Takt, rund um die Uhr. 
Das Öl aus dem erhitzen Schiefer kondensiert in meterlangen Röhren; dieser Prozess und die Güte des Destillats werden ständig vom Ölbrenner kontrolliert. 
Er beschickt den Schwelofen von oben mit frischem Gestein und räumt unten das verschwelte aus. Dabei zieht er mit einem Rechen die noch brennenden Steine aus der Ofenglut in eine Lore und schiebt diese höchstselbst nach draussen bis zum Prellbock an den Rand der Abraumhalde, wo sie abgekippt wird. 
(soviel aus der Erinnerung des Dokumentationsfilms im Steinölmuseum)


historische Verpackungen und Beipackzettel

Zum Sulferer:

Dass er laut Etikett - eine Deklaration der Inhaltsstoffe fehlt hier - nur fürs Vieh gedacht ist, stört mich nicht. 
Ich gebe einen Schuss davon ins Badewasser (es schäumt anfangs leicht auf) und wasche in diesem Wasser auch meine Haare (lang+kraus), ohne weitere Zusätze oder Spülungen hinterher. Die werden wunderbar. 

Das selbstgemischte Sulferer- Bad wärmt und durchblutet sehr viel stärker als das fertig gekaufte Steinöl-Bad, trocknet aber nicht so aus. 
Es wirkt super bei Herbstgrasmilben*, unter denen auch Menschen leiden können, und anderem Gejucke oder Gequaddel. 

*Wofür man es auch in einem Fläschchen mit Wasser vermischen kann und bei Bedarf mit einem Wattepad einreiben, auch auf wundgekratze Stellen, auch prophylaktisch, um dem Milben den Appetit zu verderben. Man, oder der Hund, riecht halt danach wie mindestens ein Bohrinsulaner.

Das Bad ist bei ca. 20min Dauer ziemlich stoffwechselanregend, das Hautgefühl chili- artig, 'hot', also so scharf, als hätte man eine Flasche Tobasco ins Wasser gekippt.
Die Entspannung wie auch der Durst hinterher sind vergleichbar mit einem Senfbad. Die Haut ist, je nach Dosierung und Empfindlichkeit auf Schwefel, ordentlich gerötet, die zwei unteren Chakren surren und brummen. Gründlich abduschen und etwas Nachruhe empfehlen sich...

Zu chronisch rheumatischen Beschwerden generell, zu "Frauenleiden", zu Rücken- oder Gelenkschmerzen kann ich aus eigener Erfahrung nichts sagen, ich hatte schon lange nichts mehr in die Richtung. 
Hier warte ich noch auf Rückmeldungen. (Bis dahin ist meine wärmste Bade- Empfehlung  ähnlicher Wirkrichtung das huminsaure Sulfomoor- Bad F.)

Sulferer- Wasser- Wickel auf kühle (minderversorgte, dys- bis athrophische) Areale/ Gelenke, auch um ödematöse Schwellungen wirken gut, wenn die durchblutungsfördernde und reizende Wirkung des Schwefels angezeigt ist. 

Es ist naheliegend, dass der Sulferer in Fällen, in denen homöopathisches Sulfur indiziert ist, am wirkungsvollsten ist, also vor auch beim sog. Sulfur- Typ, respektive der psorischen Konstitution, die sich grob durch "Mangel an..." charakterisieren lässt und öfter an Hautproblemen und ungenügender Ausscheidung leidet, und generell gut auf mineralische Mittel und Kuren anspricht. 

'Sul' = von lat. Sol = Sonne/, Sal = Salz; '-fur' = von lat. ferre = tragen, bringen. 
Sulferer ist wohl intuitiver Klartext und trifft das licht- und hitzebringende Agens des Steinöls, bzw. seiner Salze recht gut.

Hier noch eine interessante Diplomarbeit zur Volks- Tiermedizin im Grossen Walsertal in Vorarlberg, auf die ich bei der Recherche im Netz gestossen bin.

Zum Fossil-Öl, respektive dem Selbstversuch der innerlichen Anwendung, folgt beizeiten ein eigener Post, wenn mir der Sinn noch einmal nach einer Prüfung desselben stehen sollte (sicher nicht mehr vor der Wiesn)

Laut Hersteller wird es bei "Magenschleimhautentzündung, nervösem Magenleiden, Darminfektionen, Gallenblasenleiden und dgl. mehr" empfohlen.

Ich hatte es mir aus Österreich mitgebracht und die kurmässige Einnahme-Empfehlung, über 2- 3  Wochen 3x tgl. eine kleine Menge in Tee gelöst zu trinken, schon nach zwei Tagen abgebrochen, weil es mir sehr bald widerstand. 
Ich habe schon eine hohe Stoffwechselrate, wenn ich die auch noch mit Schwefel (und Jod?) befeuere, komme ich den ganzen Tag nicht mehr aus dem Essen und Schwitzen heraus.

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