Sonntag, 13. November 2016

Ein langweiliger Stein

Nämlich ein trüber, leicht rauchiger Quarzbrocken, wie er zigtausendmal im Hochgebirge herumliegt. 
Unspektakulär, merkantil und sammeltechnisch wertlos, irgendwie, irgendwann aus einem Quarzgang gebröselt, von Wetter und Schwerkraft ein Stück talwärts transportiert, schliesslich in einer Schmelzwasserrinne liegengeblieben.




Ja, sowas klaube ich auf und bewahre ihn zusammen mit seinen edleren Kumpel, den Bergkristallen.

Er musste schon eine Zeitlang im Freien unterwegs gewesen sein, denn seine Bruchflächen sind gerundet, nicht mehr scharfkantig.
Vorder- und Rückseite sind erstaunlicherweise unverletzt und fein auskristallisiert, sie haben einen seidigen Glanz, was auf dem Foto nicht zu erkennen ist.

Ebenfalls mehr zu ahnen als zu sehen sind die feinen Linien, die den gesamten Brocken durchziehen, quer und längs, zum Teil leicht gebogen oder v-förmig auseinanderlaufend, überwiegend aber parallel.
Im Grunde ist der Stein mehr oder weniger regelmässig kariert, ähnlich dem Untergrund, auf dem ich ihn geknipst habe.


eine Kristallfläche

Hier seine mögliche Geschichte, vielleicht kann der eine oder andere Stoanarrische sie brauchen. (*)

Er entstand mehrere Kilometer unter den Alpen, seeehr langsam bei der Verfüllung eines Hohlraums. 
Der Hohlraum entstand in einem Tiefengestein, das ursprünglich ein unter Druck verflüssigter, wabernder Mineralbrei war, in dem auch Silizium in diversen Zuständen herumschwamm.

Durch andauernde geologische Prozesse (Alpenauffaltung – you know) wurde das Gestein langsam nach oben gedrückt, kühlte dabei ab und wurde trockener. 
An irgendeinem Punkt war es so spröde, dass es sich unter den Drücken nicht mehr verformte, sondern brach. In die Risse drang heisse Flüssigkeit, die winzige Quarzpartikel, also Siliziumdioxid, aus dem Umgebungsgestein herausgeholt und in Lösung gebracht hatte.

Das so entstandene Kieselgel kristallisierte langsam aus, verfüllte dabei den Riss von den Randflächen her und wurde zu dem Quarz auf dem Bild.


Aber nicht auf einmal oder ungestört, denn in dem Riss war keine Ruhe, das Umgebungsgestein geriet immer wieder unter Drücke und bewegte sich.
Es sind die feinen Linien, die zeigen, dass sich der Hohlraum veränderte und grösser wurde. So kam es, dass seine kristalline Füllung zerbrach, in Längsrichtung, in der Quere, auch buchtig und diagonal durch Scherkräfte.

An der Bruchstelle floss hydrothermale Lösung nach und führte zur 'Reparatur', einer weiteren Kristallisation, wodurch der Quarz Schicht um Schicht wuchs. 
Die Linien sind feine Luft- und Flüssigkeitsbläschen, die sich im Gel befanden und während einer Kristallisationsphase eingeschlossen wurden. Sie machen den Quarz trübe.

Es sind auch kleine kristalline Splitter dabei, die nach einem Bruch an der jeweiligen Oberfläche verblieben sind und überwachsen wurden.


Lange, lange Zeit nach seiner Entstehung aus Gaias heisser Ursuppe, gefolgt vom Wachstum beim Aufstieg über ein paar Millionen Jahre, war dieser Quarz zufällig im Menschenzeitalter an die Oberfläche gelangt. Das ist erdgeschichtlich grad mal ein halber Wimpernschlag.

So hatte er für kurze Zeit, zwanzig oder dreissigtausend Jahre vielleicht, seinen Alterswohnsitz in den kalten und starren Regionen über 2km Meereshöhe.

Insofern gleicht er jedem anderen Bergkristall, den wir zu Gesicht kriegen.
Die Bergkristalle hatten in ihrer Kluft mehr Raum zum Wachsen und waren dabei relativ ungestört, das ist es, was sie in der Entstehung von so einem trübem Quarzbrocken hauptsächlich unterscheidet.

Für diesen Stein war hier erstmal Schluss mit Förmchen.
Die Erosion hatte schon angefangen, ihn kleinzukriegen, wieder zu Sandkörnche und Stäubchen zu zerlegen um ihn abermals in den geologischen Kreislauf zu überführen – da lief ich ihm, oder er mir, zufällig in unserem 21..Jahrhundert unterwegs, an dieser bestimmten Stelle über den Weg – und ins Blickfeld.

Jetzt hat er halt ein paar Jahre Pause vorm Versandeln und ich solange meine Freude an ihm.

(*) wenn einem hier zufällig aufschlagendem Fachmann die Brille beschlagen sollte ob meiner gröblichen Schilderung – ich habe schon schlimmere falsche Vorstellungen von Quarzwachstum hinter mir. 
Und ich lasse mich gerne belehren!

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