Samstag, 14. Oktober 2017

Raum- und und Zeitteile


Ich erinnere noch die kleinen Plaketten, die man an Ausflügler- Kiosken erstehen konnte, um sie sich an den Spazierstock zu nageln.
Sie wurden irgendwann durch Aufkleber ersetzt und sind dann gemeinsam mit den hölzernen Stecken verschwunden. Als Kind faszinierten mich diese Geräte. Manche waren von oben bis unten vollgespickt mit buntem Blech und blitzten in der Sonne wie Häuptlingszepter, auf Nachfrage kamen die Infos und Geschichten dazu.

Heute kann ich mir diese Faszination erklären. Es war eben nicht nur die Optik, der Zauber lag in den vielen gemeinsamen Wegen und Zeiten, die den Stock und seinen Führer verbanden. Die 70er- Jahre Erwachsenen hielten diese Teile für geschmacksverirrten Kitsch, den man den alten Männern halt milde zugestand.

Wahrscheinlich waren es die sammelwütigen Stiere, die den Brauch aufgebracht haben, Erlebnisse und Ortsandenken stofflich zu konservieren. Männer, die ein Andenken, einen besonderen Fund oder Schuss immer bei sich tragen wollten, ohne sich eine Kette um den Hals zu legen (- eine Abneigung, die viele Männer immer noch hegen, und die ich gut nachvollziehen kann) Sie waren es wohl auch, die irgendwann das erste Charivari- Stück in Auftrag gaben, mit dem man richtig angeben, Status und Erfolge demonstrieren konnte, und belebten damit einen atavistischen Jäger- und Sammlerbrauch von neuem.
Denn was bringt dem glücklichen Erben ein Talisman vom Urgrossvater, der abgegriffene Maria- Theresientaler, die Adlerkralle, die nur daheim rumliegen und ihre wilden Geschichten nicht ausbreiten können?

Ich habe diese Finde- und Sammel- Anlage auch, nur billiger und weniger demonstrativ. In meinem Rucksack landen öfter mal Steine, Plastikviecher, Vogelknochen, Samenstände, Ringerl, Federn, Hülsen, Bolzen (gefundenes Eisen bringt Glück), nur selten sind es wertvolle Funde, und wenn, dann waren es überzufällig oft alte Steinperlen, die an Ort und Stelle noch auf die Schnur um den Hals kamen.
Ein besonderer Ort rückt eigentlich immer was raus, und ein besonderes Gefühl oder Gedanke verbindet sich gerne mit einem entsprechendem Zufallsfund.

Daheim sortiere ich aus, was mir davon noch gefällt, reinige, bemale oder vergolde es manchmal, verarbeite es weiter oder verbaue es in irgendwelche Raumgebilde. Besonderes, Kleines, Hübsches (in meinen Augen natürlich) kommt an Klamotten, an Ketten, Stäbe, Gürtel, ins Mopedbündel oder ans Radl, vor allem Federn oder  Pflanzenteile von bestimmten Orten.

Obwohl ich das meiste davon früher oder später wieder auflöse oder umbaue, weiss ich von fast jedem Trumm, wann und wo ich es aufgeklaubt habe oder geschenkt bekam, und vor allem, was in dieser Zeit los war. Etliches davon ist schon über 30 Jahre alt oder stammt aus noch meiner Kindheit, Steine vor allem.

Dabei weiss ich nicht genau, warum mir danach ist, immer wieder mal den ausgebleichten 1985er Plastikohrring zu tragen, den ich bei einem Werner- Lämmerhirt- Konzert unterm Waschbecken des Damenklos gefunden habe und den ich im Leben nicht wegschmeissen würde, genausowenig wie das Stückchen alte Kreditkarte mit Autogramm, das mir ein Banjospieler mal ausgeschnitten und geschenkt hat als Abstandsplättchen für ein Spiel am Halsansatz.
Ich trage es dauerhaft im Geldbeutel herum, wie auch einen winzigen selbstgemachten Fehu-Stein, eine Dollarnote und zwei alte Münzen aus Indien und Irland, alles Geschenke 'for good luck'.
Ein schönes rot-golden schillerndes tibetisches Amulett, das extra diesem Zweck dienen soll, und das mir neulich ein Wandermönch aufgedrängt hat, flog wieder raus.

Neulich dachte ich mir: Das ist der eigentliche Zauber an den Gebilden und Fundstücken: Die Unzugänglichkeit ihres Wertes und Begriffs für andere, die alles für Dekoration und soziales Charivari halten.
'Ganz wos bsonders' habe ich auch schon gehört, und es sollte spöttisch klingen, traf aber absolut den Kern der Sache.

Das Wort De-Koration, das etymologisch von lat. decus, die Zierde, stammt, kann genausogut mit Ent- Herzung übersetzt werden, was es im Grunde besser beschreibt: Eine Entkernung, die Hüllen erzeugt, kernloses Zeugs, An-Schein von Gewesenem, dem ausgetriebenem Wesen.
Das reicht für Bühnen und für Publikum, das an Kosmetik und Künstlichkeit schon so gewohnt ist, dass es Verblendungen quasi erwartet. Ein Kind begreift das kaum, und auch entsprechend magisch- autistisch Begabte, die gerne in Objekten lesen, irritiert Deko und Staffage erheblich.

Wenn ich an die schleifenverzierten, glanzpapierumwickelten Pakete denke, die zur Adventszeit im Lichthof beim Oberpollinger von der Decke hingen – als Kind hielt ich sie natürlich für gefüllt, für echte Geschenke. Und ich fragte mich, was da wohl drin ist und wer die kriegt. Die Verkäuferinnen? Der Kaufhauschef? Oder kommt der Inhalt zurück in die Regale? Den Antworten traute ich nicht. Leere Geschenke so schön einpacken, das macht doch niemand.

Und dann gab und gibts diesen riesigen Tuff- Sarkopharg hinter der Tölzer Franzikanerkirche, der die Aufschrift trägt: 'Unseren Gefallenen'. Natürlich ist es ein Denkmal.
Ich ging als Kind dort immer leicht angegruselt vorbei und wäre im Leben nicht draufgekommen, dass es kein echter Sarg ist. Ich fragte mich, ob er dicht war (Tuffstein sieht sehr löcherig aus), und ob er früher noch übler gerochen hat. Er steht schattig, zudem nach Norden und dünstete ein entsprechend moosgruftiges Aroma aus.
Eigenartig fand ich es, dass man den Tölzer Gefallenen, der Sarggrösse nach war es leicht ein Dutzend, keine eigenen Gräber zugestanden hat wie auf den anderen Soldatenfriedhöfen. Das zuviele 'n' im ersten Wort konnte ich selbst halt noch nicht lesen.

So kanns gehen, wenn man es besser wissen könnte.
Dinge laden über ihre Gestalt ein, die eigenen Bilder in  ihnen zu verräumen, und ein Bewusstsein, das über Gelerntes, über Mustererkennungs- Software funktioniert, läuft brav in dieser Spur.
Mit einer Gestalt kann man spielen, ge-stalten eben, mit dem Inhalt nicht. Und so sind mir meine Fundsachen und krummen Artefakte lieber als anerkannte Kunstwerke und Bilder. Ich weiss inhaltlich, was bei mir rumsteht und -hängt, es ist quasi alles entäusserte geistige Verwandtschaft, entstanden und verändert über einen längeren Zeitraum hinweg. Ich nehme es zum Teil mit, wenn ich wegfahre, oder an besondere Orte, an denen manchmal was dazukommt. Eine Rassel zum Beispiel, die mal recht traurig als Mistel- Andenken angefangen hat mit ein paar Haaren von ihm, wird immer rassliger, lauter und besser, und das Mangfallufer spendiert ihr regelmässig neue Federn, wenn die alten wegbröseln.

Bei Erworbenem oder Geschenktem muss ich erst sehen, ob es für mich passt. Ein offizieller Wert, der Zeitgeschmack oder irgendwelche Meinungen darüber spielen dabei keine Rolle. Die Dinge zeigen ihre Eigenart, wenn ich sie eine Zeitlang besitze und gegebenenfalls umarbeite, ergänze oder in ihre Bestandteile zerlege und etwas Neues draus mache.

Den besonderen Charakter, der manchen Objekten innewohnt, spüre ich, auch wenn es nicht meiner ist. Nie würde ich so einen Gegenstand neugierig begaffen, befingern, bewerten.
Mit Orten geht es mir entsprechend. Auch manche Kinder und wilde Tiere erkennen das An-Wesen und respektieren es selbstverständlich, Pflanzen überziehen es mit Dornenranken.

Da ich weiss, dass dieser Sinn vielen anderen fehlt, genauer: sie ihn nicht haben, mache ich manche meiner Objekte (aka Plunder) weder unberufenen Fingern noch Blicken zugänglich.
Ich habe den Eindruck, das erhält ihren Zauber aufs feinste. 

1 Kommentar:

TheAstroVid hat gesagt…

Oh,
das habe ich gern gelesen heute,
diesen Ausblick von Dir
mit etwas Einblick in Dich..

Dankeschön!

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