Mittwoch, 19. Mai 2021

Serpentin


Was das gängige Steinheil- Verständnis angeht, also Mineral x möge für Wirkung y sorgen, dazu habe ich, von Ausnahmen abgesehen, wenig Bezug.
 
Auch, weil mich das heimische Angebot, das die Flüsse freilegen und die Bäche aus dem Bergen kugeln, einfach mehr angeht. Dabei ist es meist nicht das Mineral, vielmehr mehr das Individuum, der Zeitpunkt, der Ort, die Verfassung, in der mich ein Stein anspricht aus den hunderten anderen rundum. 
Zum Glück muss ich längst nicht mehr jeden haben, mitnehmen.

Eine Ausnahme macht der Serpentin (Serpentinit), der in der Isar kaum vorkommt — wohl zu weich für die lange Wegstrecke — und wenn, dann im Verbund mit widerstandsfähigeren Mineralen.


(Für örtliche Interessierte, es gibt ihn im Oberland: 
In der Leitzach, genauer: im Drachental bei Wörnsmühl ist er vereinzelt zu finden, ebenso in der Schlierach, dort wo sie in die Mangfall mündet, und im Stein-/Farnbach am Taubenberg ist er gar nicht mal so selten. Dort liegen leicht abgerollte Brocken im Kies alter Schmelzwasser- Ablagerungen.)

Im Burgenland wird Serpentin gewerbsmässig abgebaut. Dort gibts soviel davon, dass sie die Strassen damit schottern, es war gerade Winter und ich war beeindruckt von all dem grünen, teils transparenten Split im Schneematsch. Ich bekam ein silbergefasstes Medaillon aus dem örtlichen Gestein geschenkt.



Das ist über 25 Jahre her, seitdem mag und trag ich es oft, es ist tatsächlich leicht abgegriffen. Serpentin, egal in welchem Zustand fühlt sich leicht fettig an, schon wenn man den Brocken nass aus dem Bach klaubt ist er im Griff unverwechselbar, bei mir löst er erst den Anfass-Refelex aus und dann eben öfter den Mitheimnehm. Und den Weiterschenk, so ab Stein 3, an jeden, der ihn schätzt. 

Serpentinit ist zum einen entkrampfend, entspannend – schon bei bei nichtmal faustgrossen Brocken geht das so schnell, schneller als das Warmwerden in der Hand, dass es als Merkmal gelten kann, wenn man es einmal erlebt hat – wozu man sich halt wenigstens einmal verkrampft oder wenigstens fröstelnd nach einem Stein gebückt haben muss, um sich durch diese Erfahrung überraschen zu lassen.

Dann haben die rohen Bachfunde einen beeindruckenden Vexierbild- Fundus an ihrer Oberfläche. Die kommen räumlich durch Spuren des Abgerolltseins, und flächig durch die vielen Grüntöne und weissen Nädelchen, die sich nach und nach zeigen, alles auch seeehr kleinteilig, je nach Stein. Und noch der rauheste Brocken, grau gesprenkelt und matt, wird durch Anfassen haptisch weicher und optisch tiefer.

Im Serpentin scheint das Magnesium (entspannend) mit dem komplementären Calcium (kontraktiv) im Körper heiter zu bandeln, im Ergebnis – wellige Leichtigkeit. Das genaue Ansehen schon entspannt die Augen so, dass immer mehr Feinheiten hervortreten und dann wieder die grossen Bilder darüber, im Wechsel und immer wieder anders und neu. Vielleicht ist er in seinen grünen Spektren und dieser 'lebendigen' Wirkung, die ist ja nicht ganz steintypisch :), dem Chlorophyll verwandt, das Magnesium im Zentrum trägt.

Gut, das war jetzt doch, wie Serpentinit in einem einzelnen Stein rüberkommen kann. Das Durchlässige und doch Geborgene eines entspannten Zustandes stellt sich aber auch ohne Betrachtung ein, einfach durch Nähe oder Körperkontakt. Als würde etwas Grundsätzliches andocken, das dem Organismus grad zum Flow fehlt.

Eventuell ist es dieser Effekt, der den Asiaten grüne Jade so lieb und teuer sein lässt und auch die verwandten Gesteine als Schutz- und Glücksbringer sieht.

Auf ein Serpentinzimmer wäre ich, als Aufenthaltsort, jedenfalls noch neugieriger als auf ein Bernsteinzimmer. 
(Den letzten Raum, den ich mit einer -vermutlich- Serpentin-vertäfelter Wand erlebt habe, war leider der Verkaufsraum einer Metzgerei.)

Als ich einmal zur m.W. immer noch ungeklärten Genese von Wasser googelte, tauchten immer wieder Serpentinite auf, deren Olivin- Bestandteil Wasser mit in grosse Tiefen nehmen kann und dort bewahren. Fand ich sehr stimmig, diese Affinität. Serpentin als Schleuser von Wasser in Bereiche, in die sein Flusszustand nicht hinreicht.